mobile.schule MAGAZIN 02/26

4 mobile.schule: Hat in Zeiten von digitalen Medien und KI die klassische Schullektüre irgendwann ausgedient? Christoph Engemann: Nein, das glaube ich nicht. Sie muss nur ihre Selbstverständlichkeit immer wieder neu gewinnen. Die Schule kann heute nicht mehr voraussetzen, dass Lesen die dominante Kulturtechnik für Bildung und damit gesellschaftlichen Statuserhalt und -aufstieg ist. Digitale Medien verändern nicht allein die Aufmerksamkeitsspannen, sondern auch die Erwartungshaltungen: Inhalte sollen verfügbar, navigierbar, zusammenfassbar, kommentierbar und möglichst unmittelbar anschlussfähig sein. Das steht im Kontrast zur klassischen Lektüre, die gerade Langsamkeit, Verzögerung, Ambiguität und Zumutung produziert. Schullektüren müssen heute zeigen, welche Fähigkeiten nur oder besonders durch längeres Lesen entstehen und warum gerade diese unter digitalen Bedingungen und mit KI wichtig sind. mobile.schule: Welche Lesekompetenz wird bei der Entwicklung von einer literalen zur oralen Kultur wirklich entscheidend sein? Christoph Engemann: Die Entwicklung zur oralen Kultur bedeutet nicht das Ende der Schrift. Denn was auf den Plattformen als Gespräch, Video, Podcast oder Reel erscheint, wird im Hintergrund in maschinenlesbare Datenströme übersetzt. Zudem erfordert die Produktion von Videos und Podcasts für die Recherche die Lese- und Schreibkompetenz, genau wie der kritische Konsum auf das Nachlesen angewiesen ist. Lesen heißt dann nicht mehr nur, gedruckte Texte zu verstehen, sondern mediale Übersetzungen von Sprache in mündlichen wie in schriftlichen Auspielformaten kritisch beurteilen zu können. Lesekompetenz wird in diesem Sinne zu einem wichtigen Element der Medienkompetenz. Kompetent lesen bedeutet zukünftig, nicht nur Sätze, sondern Medienformen und Vermittlungsketten zu lesen. Es stellt sich also eine neue Bildungsaufgabe: nicht weniger lesen, sondern komplexer lesen. mobile.schule: Wie können Lehrkräfte wieder mehr Begeisterung für das Lesen wecken, ohne digitale Medien und KI einfach auszuklammern? Christoph Engemann: Wir sollten das Lesen nicht gegen digitale Medien ausspielen. Wir verlieren damit die Aufmerksamkeit der Jugendlichen und die Chance, digitale Medien lesbar und analysierbar zu machen. Als Medienhistoriker bin ich eher zurückhaltend mit konkreten Empfehlungen. Aber zentral ist auf jeden Fall, dass Lehrkräfte Medienübergänge beobachten und didaktisch nutzen sollten. So kann ein Roman mit einem Hörbuch, einem Podcast, einem Trailer, einem Meme, einem TikTok-Format oder einer KI-Zusammenfassung konfrontiert werden. Anhand dieser Formate könnten Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Solche Vergleiche zeigen, was unterschiedliche Medien leisten – und warum sich manche Erfahrungen nur im längeren Lesen erschließen. ... an Christoph Engemann. Der Medienwissenschaftler beschreibt, wie sich das Lesen im Wandel von einer Kultur der Schrift in eine des gesprochenen Wortes verändert, welche Rolle Plattformen und KI dabei spielen und wie wir verhindern, dass Lesen zur Kompetenz der Wenigen wird. Interview mit Christoph Engemann Drei FRAGEN ... Christoph Engemann forscht als Medienwissenschaftler am DFGSonderforschungsbereich „Virtuelle Lebenswelten“ der Ruhr-Universität Bochum. In seinem Essay „Zukunft des Lesens“ (Berlin, Matthes & Seitz 2025) analysiert er die aktuelle „Krise des Lesens“ aus der Perspektive des Wandels von der Schriftkultur zur neuen Oralität im digitalen Zeitalter. DREI FRAGEN I Christoph Engemann (© Pressestelle Otherwise Network)

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