274 Außereuropäische Perspektive: der Afghanistankrieg 6.4 In Afghanistan herrscht seit mehr als 40 Jahren Krieg. Das Land war aufgrund seiner militärstrategischen Lage seit dem 19. Jahrhundert vermehrt Spielball der Großmächte. Nach einem von 2001 bis 2003 geführten US-Vergeltungskrieg (9/11) wurde Afghanistan unter UN-Mandat gestellt. Nach dem Abzug der internationalen Truppen 2021 ist ein Frieden in weite Ferne gerückt. Die Taliban ergreifen die Macht Nach dem Abzug der sowjetischen Armee (1989) (s. 4.16) rangen die siegreichen Mudschahedin-Gruppierungen in einem blutigen Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in Afghanistan. Um das Jahr 2000 konnte sich eine streng islamistische Gruppierung durchsetzen – die Taliban. Unter der Herrschaft der Taliban, die vor allem aus sunnitischen Paschtunen bestehen, wurden Frauen sowie religiöse und ethnische Minderheiten, wie etwa die Hazara, diskriminiert. Die afghanischen Taliban pflegten engen Kontakt mit sunnitischen extremistischen Organisationen, beispielsweise mit der von Osama Bin Laden geführten Al Qaida, die von Afghanistan aus Anschläge auf der ganzen Welt plante. 9/11 als Kriegsgrund Der Anschlag auf das World Trade Center in New York veränderte die Situation schlagartig. Die US-Regierung unterschied kaum zwischen der Gruppierung der Taliban und den bekennenden Drahtziehern des Anschlags, der Terrororganisation Al Qaida. Obwohl sich Vertreter der Taliban gesprächsbereit zeigten, dauerte es nach dem 11. September 2001 kaum einen Monat, bis die US-Luftwaffe Talibanstellungen in ganz Afghanistan bombardierte. Sie arbeiteten mit der Nordallianz zusammen, die Kabul bald einnehmen konnte. Schnell wurden die Taliban in das gebirgige Grenzland zu Pakistan zurückgedrängt. Das Land wurde unter NATO-Beobachtung gestellt und eine Übergangsregierung unter Präsident Hamid Karzai übernahm die Macht. Die „Warlords“ der Nordallianz wurden großzügig mit politischen Posten bedacht. Zusätzlich begünstigten Milliarden von US-Dollar, die die internationale Gemeinschaft in den Wiederaufbau Afghanistans pumpte, die Korruption. Der brüchige Frieden hielt nicht lange. Schon bald setzten die wiedererstarkten Taliban der neu gegründeten afghanischen Armee und den NATO-Truppen in einem aufreibenden Guerillakrieg schwer zu. Obwohl zeitweise bis zu 130 000 Soldatinnen und Soldaten der NATO in Afghanistan stationiert waren, gelang keine nachhaltige Stabilisierung des Landes. 40 Jahre Gewalt und kein Ende in Sicht Aufgrund der anhaltenden Gewalt wurden die Zweifel an einer militärischen Lösung des Konflikts in Afghanistan immer größer. Die NATO-Mitgliedsstaaten zogen immer mehr Soldatinnen und Soldaten ab. Im Februar 2020 einigten sich die USA, die den Großteil der NATO-Truppe stellen, mit den Taliban auf einen Truppenabzug. Dieser Vertrag wurde allerdings ohne Beteiligung der afghanischen Regierung ausgehandelt. Dies und die anhaltenden Anschläge der Taliban auf zivile Einrichtungen, wie z. B. Mädchenschulen, geben Anlass zur Sorge, ob das Land nach dem Abzug der letzten NATO-Soldatinnen und -Soldaten friedlicher wird. Tatsächlich haben die Taliban seit ihrer Machtübernahme im August 2021 zahlreiche Maßnahmen eingeführt, die Frauen und Mädchen ihrer Grundrechte berauben (u.a. Recht auf freie Meinungsäußerung, Bewegungsfreiheit, Arbeit und Bildung). Medienvertreter und Kritiker der Taliban-Herrschaft werden bedroht, zivilgesellschaftliche Organisationen zur Schließung gezwungen und Regierungsbüros, die für die Menschenrechte im Land kämpfen, aufgelöst. Internationale Folgen Der Konflikt in Afghanistan führte zu einer der größten Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte. Millionen Menschen flohen vor der Gewalt – viele nach Europa. M 1: Der afghanische Politiker Hamid Karzai (* 1957, Präsident von 2001–2014) hatte die schwierige Aufgabe, aus Afghanistan einen funktionierenden Staat zu formen – und scheiterte. Foto von Matthias Lüdecke, 2015. Paschtunen, die: eine der größten afghanischen Ethnien; beheimatet vor allem im Süden Afghanistans und Westen Pakistans Hazara, die: eine persischsprachige, schiitische Bevölkerungsgruppe in Afghanistan und Pakistan Nordallianz, die: Ein militärisches Bündnis von Warlords, die 2001 große Gebiete im Nordens Afghanistans hielten. Die Truppen bestanden vor allem aus regionalen Minderheiten wie den Tadschiken, Kirgisen oder Hazara. 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 MUSTER
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