196 II Übungsteil Die Textanalyse, wie sie für die RDP verlangt wird, erwartet die tiefergehende sprachliche Analyse von literarischen oder nicht literarischen Texten. Die genaue Betrachtung von Wortfeldern, der Syntax und auch der rhetorischen Figuren in diesen Texten nähert sich bereits der Beurteilung und Bewertung. Damit steht nicht nur die inhaltliche, sondern die gestalterische Analyse im Vordergrund, wodurch eine zweite Ebene der Textintention erschlossen wird. Nachfolgend finden Sie einen Zeitungstext, dazu eine Aufgabenstellung und eine Beispielanalyse. Google googeln Jedes Jahr Mitte Dezember gibt der Suchmaschinenkonzern Google bekannt, wonach in den vorangegangenen zwö lf Monaten am hä ufigsten gegoogelt wurde. Die deutschen Spitzenreiter von 2010 lauten: 1. Facebook, 2. YouTube, 3. Berlin, 4. eBay, 5. Google. Das heißt: Es gibt erstens viele Menschen, die nicht wissen, dass man die Namen von Unternehmen auch im Adressfeld des Web-Browsers eingeben kann, um von diesem auch ohne http://-Gewürge vollautomatisch zum gewünschten Netz-Ort transportiert zu werden. Und es gibt zweitens jede Menge Menschen, die nach Google googeln. Was ungefä hr so ist, als wü rde man bei der Telefonauskunft anrufen, um sich nach der Telefonnummer der Telefonauskunft zu erkundigen. Dabei handelt es sich übrigens nicht um ein deutsches Phänomen; auch in den USA, Großbritannien oder Indien googeln die Leute wie verrü ckt nach Google. Warum tun die das? Dafür gibt es noch keine zufriedenstellenden Erklärungen. Die Digital Natives, die schon im Internet unterwegs waren, als man noch mit Altavista suchte, pö beln in diesem Zusammenhang wie immer über die DAUs, die „dümmsten anzunehmenden User“, die zu blöd sind, um die simpelsten Basics zu kapieren. Außerdem litten ältere Menschen unter einer fundamentalen Surf-Unsicherheit, die sie dazu bringt, sich erst einmal bei Google zu vergewissern, ob es die Netz- Adresse gibt, zu der sie wollen. Benutzeroberflä chengestaltern ist das GoogleGoogeln ein Indiz dafü r, dass praktisch immer noch ausnahmslos jede Benutzeroberflä che zu kompliziert fü r den menschlichen Geist ist. Wä hrenddessen behaupten die User, die nach Facebook oder Google googeln, das wäre schlicht und einfach ihrer Faulheit geschuldet: Es sei nun mal das Bequemste, alles in Google einzugeben. Vor allem, wenn man sich Google als Startseite eingerichtet hat, erspart man sich – jedenfalls auf Lebenszeit hochgerechnet – viele Bewegungen, wenn man dort loszutippen beginnt, wo der Cursor blinkt, statt diesen erst mit der Maus nach oben ins Adresseingabefeld des Browsers zu navigieren. Mag sein, dass der ergonomisch1 oft nicht nötige Umweg über Google für etwas ganz anderes steht – für eine letzte Resistenz2 des Menschen gegenüber den Algorithmen, die ihm die Arbeit abnehmen. Vielleicht sind ihm Umwege lieber als der direkte Weg; vielleicht beharrt er darauf, Ehrenrunden einzulegen und Produktivität zu vergeuden; vielleicht ist ihm das Suchen so wichtig, dass er es betreibt, auch wenn er längst weiß, wie er hinkommt, wo er hin will, oder im Falle des Google-Googelns schon da ist; vielleicht hat er all die Software-Optimierer, die es ihm leicht machen wollen, einfach ignoriert und es sich aus freien Stücken umständlicher gemacht, als er es haben mü sste. Eine befriedigende Antwort auf solche Fragen wird übrigens seltsamerweise auch von Google Answers nicht ausgespuckt. Eindeutig ein Fehler im Algorithmus der Ontologie3. 1 ergonomisch: dem menschlichen Körper angepasst 2 die Resistenz: Widerstand 3 die Ontologie: philosophische Lehre vom Ursprung alles Seienden (= Lebens) Quelle: Praschl, Peter: Google googeln. Online: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article11614899/Google-googeln. html (17.04.2025) 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 60 65 70 MUSTER
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