KLV Verlagsprogramm 2026

29 info@klv.ch Kaufmännische Ausb./Sek II – Methodisch-didaktische Impulse, welche die Unterrichtsplanung und -durchführung unterstützen – Konkrete Aufgaben und Aufträge an Lernende – Besonderes Augenmerk auf die anspruchsvolle Rolle der Lehrperson und die bewusste Auswahl von Unterrichtsthemen in der Politischen Bildung 14 Begriffsklärungen | 3 3 Begriffsklärungen 3.1 Demokratie Die Bildungsbemühungen sind auf ein besseres Demokratieverständnis ausgerichtet. Die Lernenden sollen das demokratische Gefüge kennen, innerhalb dessen sie urteils- und handlungsfähig werden. Dieses Anliegen ist voll von normativen Fragen und erfordert begriffliche Präzisierungen. Zuerst wird hier der Demokratiebegriff strukturiert. Himmelmann (2004, S. 7-9) unterscheidet Demokratie (von griechisch «demos» = Volk und «kratein» = herrschen) als Herrschafts-, Gesellschafts- und als Lebensform. Herrschaftsform Demokratie ist die Selbstregierung des Volkes. Die Menschen sind frei und gleich. Sie bestimmen über die Regeln, welche in ihrem Gemeinwesen gelten sollen. Wichtige Grundprinzipien in einer modernen Demokratie sind die Menschenrechte, Grundrechte, das Mehrheitsprinzip, der Minderheitenschutz, Pluralismus, die Rechtsstaatlichkeit und die Kontrolle der Macht durch Gewaltenteilung. Gesellschaftsform Demokratie ist kein gesicherter Zustand, sondern ein stets gefährdetes soziales Experiment, das sich laufend weiterentwickelt und immer wieder bewähren muss. Diese Dimension betont die gesellschaftliche Verankerung demokratischer Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit, Vielfalt und Partizipation. Die Öffentlichkeit ist frei und die Bürger:innen engagieren sich vielfältig. Diese gesellschaftliche Verankerung ist Voraussetzung, damit eine Gesellschaft dauerhaft lebensfähig bleibt. Lebensform Demokratie wird als kollektiver Lebensstil in einem gemeinsamen Erfahrungsraum verstanden. Demokratie ist somit auch eine «soziale Idee», nach der die Menschen zusammenleben. Der zwischenmenschliche Umgang orientiert sich dabei an sozialen Werten und Normen wie Gewaltverzicht, Toleranz, Solidarität, Zusammenarbeit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Tabelle 1: Demokratiebegriff Basierend darauf lassen sich die Kompetenzanforderungen an den Unterricht in der Politischen Bildung besser ableiten. Die Erlangung demokratischer Kompetenz schliesst damit die kognitive (politisches Wissen, Kenntnis der demokratischen Strukturen, Analyse- und Urteilfähigkeit in politischen Fragestellungen), affektiv-motivationale (politisches Interesse, Reflexion von Werten, Zustimmung zu Menschenrechten und Demokratie als auch Überzeugung, selbst auf politische Prozesse Einfluss nehmen zu können) sowie volitionale Dimension (Bereitschaft, an der politischen Diskussion teilzunehmen und zur Aufrechterhaltung demokratischer Werte beizutragen) ein (Anders et al., 2020, S. 49). 15 Begriffsklärungen | 3 3.2 Drei Dimensionen des Politikbegriffs Die Aufteilung des Politikbegriffs in die drei Dimensionen «Polity», «Policy» und «Politics» hat sich in der Literatur und Praxis durchgesetzt. Entsprechend soll sich auch die Politische Bildung mit allen drei Dimensionen des Politischen auseinandersetzen. Dies ermöglicht, Politik als multidimensionales Konstrukt zu verstehen. Die Aufgliederung in die einzelnen Dimensionen ermöglicht differenzierte Analysen von komplexen Vorgängen. Folgende Tabelle beschreibt die Merkmale der drei Politikdimensionen. Polity Politischer Handlungsrahmen (Form) Dazu gehören die politischen Strukturen und Institutionen (Regierungen, Parlamente, Parteien, Verbände, internationale Organisationen), welche die Rechtsordnung (Verfassung mit den Grundrechten, Gesetze, Verordnungen) sowie die politische Kultur (Werte, Verhaltensweisen von politischen Akteuren) einer Gesellschaft konstituieren. Institutionen legen also den Handlungsrahmen fest. Diese Dimension («Polity») entspricht oft dem gängigen Verständnis von Staatskundeunterricht und Institutionenlehre. Policy Inhalt Diese Dimension umfasst die Inhalte der politischen Auseinandersetzung sowie die Ziele und Aufgaben, welche die politischen Akteure äussern und umsetzen wollen. Es geht um die inhaltlichen Problemlösungen in den verschiedenen Politikbereichen (z. B. Gesundheit, soziale Vorsorge, europäische Integration, Sicherheit, Klima oder Migration). Politics Prozess «Politics» bezieht sich auf politische Verfahren (Abstimmungen, Wahlen) und die Willens- und Entscheidungsbildungsprozesse (politische Auseinandersetzungen, Debatten). Informationserzeugung, -gewinnung, -beurteilung und -verwertung ist Teil der prozessualen Dimension. Tabelle 2: Dimensionen des Politikbegriffs 3.3 Politikzyklus Der Politikzyklus ist ein Rahmenmodell, mit dem sich politische Prozesse in Phasen gliedern und dadurch besser verstehen lassen können. Die Anzahl Phasen kann dabei unterschiedlich detailliert aufgeteilt werden. Der Zyklus wird als nie abgeschlossen erachtet und wird deshalb als Spirale verstanden. Aus den Lösungen entstehen wieder neue Fragen und Problemstellungen. 40 Methodisch-didaktische Impulse | 6 Auftrag Wie würden Sie jetzt mit dem momentanen Vorwissen abstimmen? Stellen Sie sich im Raum auf. Ja Nein Enthaltung Stellen Sie sich zuerst wieder so im Raum auf wie vor der Auseinandersetzung mit dem Thema. Wie würden Sie nach dem Unterricht und der Quellenverarbeitung abstimmen? Die Lehrperson fragt nach, wer die Meinung im Verlaufe der Auseinandersetzung geändert hat. Die Lehrperson fragt die Schüler:innen, welche ihre Meinung im Vergleich zum Beginn geändert haben, nach den Argumenten, welche die Meinungsänderung herbeiführten. Ja Nein Enthaltung Alternative Statt «ja», «nein», oder «unentschlossen», kann die Lehrperson die Schüler:innen auch auf einer Skala im Raum positionieren lassen. Mögliche Skala Klar dafür Eher dafür Unentschlossen Eher dagegen Klar dagegen 6.3.3 Politspider erstellen Die Online-Wahlhilfe «smartvote» unterstützt die politische Meinungsbildung und bietet den Wählerinnen und Wählern eine Entscheidungshilfe im Vorfeld von Wahlen. Anhand eines Fragebogens, bestehend aus 75 Fragen zu verschiedenen Bereichen des politischen Lebens, kann man sein eigenes politisches Profil erstellen. Damit lässt sich das eigene Profil mit jenem von Politikerinnen und Politikern oder Parteien vergleichen. Ein viel einfacheres Tool ist «Politspider.ch». Mit ihm lassen sich die eigenen politischen Ansichten zu bestimmten Positionen rasch visualisieren. Es ist eine grobe Selbsteinschätzung. Spezifische Fragen müssen nicht ausgefüllt werden. Die persönliche Spider-Grafik umfasst maximal acht Hauptthemen (Achsen). Auch neue Zusammenstellungen von Themen sind möglich. «Politspider.ch» erlaubt der Userin oder dem User die freie Auswahl der politischen Färbung sowie eine neutrale Variante. Die Grafik lässt sich downloaden und weiter nutzen. Zum Beispiel kann man die eigene Einschätzung mit jenen Profilen von Politikerinnen und Politkern vergleichen. Wahlberechtigte nutzen diese Möglichkeit oft und beziehen diese in ihre Wahlentscheidung mit ein. 6.4 Debattieren Die Debatte ist eine Gesprächsform, bei der sich zwei oder mehr Personen gegenüberstehen, die gegensätzliche Ansichten zu einer Entscheidungsfrage vertreten, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Die Debatte ist ein Streitgespräch, das formalen Regeln folgt. Sie dient der Entscheidungsfindung. Im Folgenden werden verschieden Organisationsformen beschrieben, um das Debattieren zu üben. 41 Methodisch-didaktische Impulse | 6 6.4.1 Debatte vorbereiten Die Vorbereitung der Debatte kann verschieden gestaltet werden. Je nach Vorwissen der Lernenden, Anspruchsniveau der Fragestellung und Lernziel lässt sich die Form der Vorbereitung anpassen. Der folgende morphologische Kasten zeigt Möglichkeiten, wie sich die Schüler:innen auf eine Debatte vorbereiten können. Kriterium Ausprägungen Zuteilung der Position Zu Beginn per Los, entweder Pro oder Contra vorbereiten Alle bereiten Pro und Contra vor. Einteilung per Los kurz vor der Debatte Vorbereitung Allein Partnerarbeit Kleingruppe Notizen Keine, Schüler:innen sprechen frei, Notizen erst während der Debatte Möglich ohne Vorgabe Mindmap (1 Seite) Sprache Mundart Schriftsprache Moderation Keine Lehrperson Schüler:in Feedback an die Debattierenden Mündlich Schriftlich Videoanalysen Tabelle 7: Morphologischer Kasten für die Konzeption einer Debatte 6.4.2 Arena-Diskussion Auftrag Diskutieren Sie die Argumente der Pro- und Contra-Seite in der Klasse. Dieser Auftrag kann unterschiedlich gestaltet werden. Eine Möglichkeit wäre, etwa sechs Personen für die Diskussion auszuwählen, wobei je die Hälfte die Argumente der Gegner:innen und der Befürworter:innen der Initiative vertritt. Die restlichen Schüler:innen dienen dabei als Publikum/ Beobachter:innen und die Lehrperson hat die Rolle der Moderatorin bzw. des Moderators inne. Jene Lernenden, die im Publikum sind, können von der Moderatorin oder dem Moderator konsultiert werden (wie bei der SRF Arena). Gerade vor dem Hintergrund der stärkeren Gewichtung der Politischen Bildung auf allen Schulstufen und der laufenden Überarbeitung der Lehrpläne (Lehrplan 21, kaufmännische Berufsfachschulen, Gymnasien) bietet «Wirtschaft und Politik aktuell» eine wertvolle Unterstützung. Die Sonderausgabe von richtet sich daher an Lehrpersonen der Sekundarstufen I und II, die Politische Bildung, Geschichte, Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) oder Volkswirtschaftslehre unterrichten, sowie an Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktiker an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten. Kurz gesagt: Aktuelle Themen. Fachlich fundiert. Didaktisch durchdacht. Kostenlos.

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