mobile.schule MAGAZIN Ausgabe 01/26

7 JUGENDMEDIENSCHUTZ I Kira Thiel: Personen, die man nicht kennt, kann man technisch relativ einfach blockieren und melden. Damit ist die Interaktion beendet und man muss sich – in Anführungszeichen – „nur noch“ damit befassen, wie man dieses Erlebnis verarbeitet. Hier können z. B. Gespräche mit Vertrauenspersonen helfen, die Situation im Nachgang einzuordnen und sich zu vergewissern, dass man selbst keine Schuld an dem Erlebten trägt. Etwas anders ist es in Fällen von Cybergrooming, der Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet. Obwohl sie auch hier die andere Person nicht persönlich kennen, ist es für Betroffene oft schwer, den Kontakt zu beenden, weil Täter:innen gezielt Vertrauen aufbauen und emotionale Nähe herstellen. Wenn Personen aus dem echten Leben beteiligt sind, kann man den Kontakt schwer abbrechen, weil man denen zwangsläufig noch einmal begegnet – zum Beispiel am nächsten Tag in der Schule. mobile.schule: Wie gehen Jugendliche mit solchen Situationen um? Kira Thiel: Das ist unterschiedlich und hängt von der konkreten Situation ab, unter anderem auch davon, wie belastend sie aus Sicht der betroffenen Person ist. Manche Erlebnisse, z. B. Beleidigungen im GamingKontext, werden von einigen Jugendlichen als „nervig, aber nicht so schlimm“ erlebt. Andere Erfahrungen, wie z. B. Cybermobbing, das über einen längeren Zeitraum andauert und stark die eigene Identität und das Selbstwertgefühl betrifft, sind für Betroffene deutlich belastender und erfordern oft mehr Bewältigungsaufwand sowie Unterstützung von außen. Hier haben wir eine „Unterstützungskaskade“ beobachtet: Wenn die individuelle Bewältigung scheitert, wenden sich Jugendliche häufig an Freundinnen und Freunde oder auch an ihre Eltern. Peers spielen eine große Rolle, weil Jugendliche glauben, dass diese sie aufgrund ähnlicher Erfahrungen besser verstehen. Oder aber, weil sie Angst haben, dass sie von ihren Eltern Ärger bekommen könnten oder die Plattform dann nicht mehr nutzen dürfen. Lehrkräfte werden meist nur dann angesprochen, wenn die Situationen etwas mit Klassenkamerad:innen zu tun haben oder sonst einen direkten Bezug zur Schule haben. mobile.schule: Sollten Lehrkräfte versuchen, sich in diese Kaskade früher einzubringen, sich also aktiv als Gesprächspartner:innen anbieten? Kira Thiel: Es ist schon gut, wenn Jugendliche selbst auswählen können, wen sie zuerst ansprechen. Einige haben uns gesagt, dass sie es nicht gut finden, wenn ihnen ein Gespräch aufgedrängt wird. Aber gerade bei längerfristigen Sachen wie Mobbing braucht es nun mal Erwachsene. Es ist ganz schwer, eine solche Dynamik allein oder gemeinsam mit anderen Jugendlichen zu stoppen. mobile.schule: Lehrkräfte sollten also abwarten, bis sie von Schüler:innen oder Eltern angesprochen werden? Kira Thiel: Nein, sie können auch aktiv werden, wenn sie etwas bemerken. Das ist nur oft sehr schwer, wenn etwas nur online stattfindet. Wenn sich ein Schüler oder eine Schülerin auffällig verhält oder wenn etwas offline passiert, lohnt es sich auf jeden Fall, die betroffene Person anzusprechen und – idealerweise gemeinsam – zu überlegen, wie es weitergehen kann. Man könnte dann zum Beispiel den Klassenrat einberufen, um einmal über das Klima in der Klasse zu sprechen. Lehrkräfte sollten von Anfang an signalisieren, dass sie Online-Räume auf dem Schirm haben und wissen, wie sie funktionieren. Und sie sollten sich daran interessiert zeigen, was da eigentlich läuft. Klassenchats waren in unseren Interviews häufiger Thema. Lehrkräfte sollten wissen, dass es einen Klassenchat gibt, und am Anfang gemeinsam mit den Schüler:innen Gesprächsregeln erarbeiten. Das verringert die Hemmschwelle, sich an sie zu wenden. mobile.schule: Welche Form der Unterstützung wünschen sich Jugendliche bei belastenden Online-Erfahrungen? Kira Thiel: Sie wünschen sich vor allem, dass die Personen, die sie ansprechen, ihnen wertneutral zuhören, das heißt ohne Vorurteile gegenüber

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