mobile.schule MAGAZIN Ausgabe 01/26

46 I FACHUNTERRICHT „Leute, man kann die Atome nehmen und durch die Gegend werfen!“, rief kürzlich eine Neuntklässlerin in einer von mir begleiteten Chemie-Stunde. Kein Problem, denn die Schülerin befand sich in der virtuellen Lernumgebung „Futuclass“. Ich nahm ihren Ausruf als Ausdruck natürlicher Neugier und Entdeckerfreude wahr. Oft sind es solche Nebensächlichkeiten, die eine gute Lernerfahrung in virtuellen Umgebungen ausmachen. Dinge durch die Gegend zu werfen, funktioniert nur mit modernen VR-Headsets (Virtual Reality). Im Gegensatz zu älteren Modellen kann man sich darin nicht nur in 360° umsehen, sondern auch die Hände oder sogar den gesamten Körper virtuell im Raum bewegen. Dank dieser „6 degrees of freedom“ (6DoF) können Lernende virtuelle Dinge mit oder sogar ohne Controller realitätsnah greifen, von allen Seiten betrachten und anders anordnen, um neue Dinge zu erschaffen. Um bei der Chemie-Anwendung zu bleiben: Da wir genügend Headsets für alle Lernenden einer Klasse besitzen, können diese gleichzeitig Elektronen, Protonen und Neutronen per Hand zusammenfügen. Sie erhalten sofort die Rückmeldung, welches Element sie erschaffen und wie sich dabei die Ordnungszahl und andere Parameter verändern. Das Element schwebt dreidimensional vor ihnen, wie man es aus dem 3D-Kino kennt. VR bietet die einzigartige Möglichkeit, bislang nicht visualisierbare oder abstrakte Lerngegenstände haptisch zu begreifen. Die Technologie kann auch entfernte Orte für alle verfügbar machen. Zum Beispiel können wir an unserer Schule aus geographischen Gründen nicht in eine größere Holocaust-Gedenkstätte fahren. Jede Schule sollte einen Klassensatz an VR-Headsets besitzen, denn die Vorteile sind vielfältig und wissenschaftlich belegt. Doch das wird nur geschehen, wenn überzeugte Vorreiter:innen Aufklärungsarbeit leisten. MAN MUSS ES ERLEBT HABEN Christian Götzinger (© privat) Christian Götzinger unterrichtet Sozialwissenschaften, WirtschaftPolitik und Deutsch am Otto-Hahn-Gymnasium in Monheim (NRW). Dort engagiert er sich vor allem bei der Demokratieförderung und verwaltet die 30 schuleigenen VR-Headsets. Zudem berät er andere Schulen und Entwickler:innen zum Einsatz von VR im Unterricht. Alle Fotos zum Beitrag (© Christian Götzinger)

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