mobile.schule MAGAZIN Ausgabe 01/26

44 I MITBESTIMMUNG und es gibt komplizierte Reisekostenformulare. Nicht alle Schüler:innen können 60 Euro über einen Monat vorstrecken. mobile.schule: In Konzeptpapieren liest man oft von „Anerkennungs- und Beteiligungskultur“. Wie lässt sich die praktisch fördern? Quentin Gärtner: Jedenfalls nicht durch einzelne Preise für besonderes Engagement, die dann nur ein oder zwei Leute bekommen. Das schafft mehr Konkurrenz als Gemeinschaft. Viel wichtiger ist, Schülervertretungen mit Ressourcen auszustatten und ihre Vorschläge ernsthaft zu prüfen. Auch wenn man etwas ablehnt, sollte man es begründen – auf Augenhöhe. Beteiligung heißt nicht immer, das Schüler:innen bekommen, was sie wollen, sondern dass man mit ihnen auf Augenhöhe darüber spricht und Argumente austauscht. mobile.schule: Vermutlich geht es ja auch darum, ob Alternativen noch offen sind. Quentin Gärtner: Genau. Als Schülervertretung auf Landes- oder Bundesebene schreibt man zum Teil Stellungnahmen zu Gesetzgebungsprozessen und hat dann doch das Gefühl, dass das jeweilige Gesetz schon fertig war, als es in den Beteiligungsprozess gegangen ist. mobile.schule: Viele Entscheidungen haben ja auch mit Geld zu tun … Quentin Gärtner: … ja, aber auch das muss man größer denken. Wenn man an der Schule nicht weiterkommt, kann man zum Gemeinderat oder auf die Landesebene gehen. Oder Stiftungen, Verbände oder Unternehmen ansprechen. An meiner Schule brauchten wir Tablets für die Oberstufe. Das habe ich im Gemeinderat vorgetragen – ich war damals 16 – und sie überzeugt, das zu finanzieren. Die waren froh, dass da überhaupt mal ein junger Mensch zu ihnen kommt. Oft gibt es außerhalb der Schule zahlreiche Möglichkeiten, sich unterstützen zu lassen. Die gehen aber oft unter, weil die beteiligten Akteure, also Eltern und Schülerinnen und Schüler genauso wie die Lehrerkräfte zu häufig nur in dem Mikrokosmos Schule denken. mobile.schule: Wie würdest du das Verhältnis deiner Generation zur Demokratie beschreiben? Ich weiß, dass du dich viel mit psychischen Problemen von Jugendlichen beschäftigst. Würdest du sagen, viele sind resigniert? Quentin Gärtner: Von Resignation würde ich grundsätzlich nicht sprechen. Viele Themen politisieren uns in einem Maße, das viele nicht erwartet hatten. Der Gaza-Konflikt zum Beispiel. Das hat junge Leute sehr früh mitgenommen. Es geht nicht um Resignation, sondern darum, dass junge Menschen sich nicht gehört fühlen. Und manche wählen in ihrer Wut darüber extremistische Parteien. Ich will das nicht rechtfertigen, kann es aber nachvollziehen. mobile.schule: Dann wären also frühe Beteiligung und Zuhören der beste Weg gegen den Extremismus? Quentin Gärtner: Natürlich. Wir können ja sogar sagen, wo man uns am besten erreicht: Auf Social Media. Wenn man da früh genug auf junge Menschen gehört und geschaut hätte, hätten verfassungsfeindliche Parteien wie die AfD dort womöglich keinen so großen Vorsprung. mobile.schule: Damit könnte man an den Schulen anfangen. Fändest du es demokratiefördernd, wenn Schülerinnen und Schüler den digitalen Auftritt ihrer Schule mitgestalten würden? Quentin Gärtner: An meiner Schule war das rigoros verboten. Da sind wir wieder beim Punkt. Schülerinnen und Schüler haben Bock, ihre Schule auf den Kanälen zu repräsentieren, auf denen sie selbst unterwegs sind. Schulen sollten diesen Impuls aufnehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu kontrollieren. Aber viele Schulleitungen und Lehrkräfte wollen das nicht, aus Datenschutzgründen oder weil sie prinzipiell Angst vor den sozialen Medien haben. Illustration: © iStockphoto.com/lemono

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