42 I MITBESTIMMUNG DEMOKRATIE MUSS ERLEBT WERDEN Quentin Gärtner, bis Ende 2025 Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, fordert mehr Mitbestimmung im Unterricht und eine echte Beteiligungskultur an Schulen. Interview Quentin Gärtner mobile.schule: Du hast auf der mobile.schule Tagung gesagt, es genüge nicht, über Demokratiebildung zu reden, man müsse etwas machen. Was meinst du damit? Quentin Gärtner: Wir brauchen eine Demokratisierung des Lernens. Unterricht muss demokratisch strukturiert sein. Vor allem in den höheren Klassen sollten Schülerinnen und Schüler mitbestimmen können – bei der Themenwahl, bei der Art des Unterrichts und auch bei den Prüfungsformen. Wir sagen Kindern 13 Jahre lang, wie und was sie lernen sollen. Und dann sollen sie als mündige Demokratinnen und Demokraten die Schule verlassen. Das ist paradox. Wir müssen dafür sorgen, dass man Demokratie direkt im Unterricht erlebt. mobile.schule: Wie sähe das konkret aus? Quentin Gärtner: Lehrkräfte könnten zu Beginn des Schuljahres die Lehrplanthemen vorstellen und fragen: Was interessiert euch, was wollt ihr vertiefen, was eher überfliegen? Das setzt voraus, dass es Freiräume gibt. Wenn Lehrpläne so eng getaktet sind, dass keine Stunde Spielraum bleibt, verlieren alle die Lust – Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler. Lernen funktioniert nur, wenn man Einfluss nehmen kann und Selbstwirksamkeit erlebt. mobile.schule: Dann würdest du also eher Freiräume in den Lehrplänen fordern als neue Unterrichtsinhalte zur Demokratiebildung? Quentin Gärtner: Genau. Das ist nicht die Schuld der Lehrkräfte, sondern dahinter steht eine Kultur, die sich in den Ministerien ändern muss. Da herrscht das Mantra vor, dass die Lehrkraft vorgibt, wie die Stunde aussehen soll, und das steht irgendwo auf Papier, im Lehrplan. Wir brauchen mehr Flexibilität bei den Inhalten und die Bereitschaft, andere Formate auszuprobieren. mobile.schule: Können Schülerinnen und Schüler überhaupt einschätzen, was sie später brauchen? Quentin Gärtner: Natürlich braucht es Abstufungen – je älter die Klasse, desto mehr Mitsprache. Aber Fakt ist auch, dass Unterricht häufig ineffizient ist. Es bleibt wenig hängen, weil wir zu viele Themen durchnehmen und zu wenig fragen, was die Schülerinnen und Schüler interessiert. Wenn wir weniger Stoff vermitteln, dafür aber mehr von dem, was uns interessiert, bleibt am Ende mehr hängen. Quentin Gärtner (© Bea Giese) Quentin Gärtner vertrat als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz mehr als 7,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Seine Themen: mentale Gesundheit, Chancengerechtigkeit, Europabildung. Mit seinem Appell, über das Thema Wehrpflicht auch mit jungen Menschen zu sprechen, erhielt er im Oktober bundesweite Aufmerksamkeit.
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjg5NDY1NA==